Arbeitskreis Konfrontationen

Edith Kiss

Edith Kiss wurde am 21. November 1905 als jüngste von vier Töchtern einer jüdischen Familie in Budapest geboren. Sie studierte Bildhauerei in Düsseldorf. Vor dem 2. Weltkrieg war Edith Bán-Kiss in Ungarn eine bekannte Bildhauerin. 1

Im Herbst 1944 wurde Edith Kiss mit tausenden ungarischer Jüdinnen nach Ravensbrück deportiert. Auf dem Transport ins KZ lernte sie Ágnes Bartha kennen. Den Weg von Budapest über Österreich bis nach Zirndorf mussten die Frauen zu Fuß zurück legen. Zwischen Edith Kiss und Ágnes Bartha entwickelte sich auf diesem Gewaltmarsch eine lebenslange Freundschaft. Daher ist ihre Lebensgeschichte an vielen Punkten eine Gemeinsame. Im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück teilten beide Frauen das Schicksal der ungarischen Jüdinnen: Sie kamen in das unbeheizte und überfüllte Zelt, eine Todeszone. Sie halfen sich gegenseitig aus scheinbar aussichtlosen Situationen – so, als Edith eine Selbstmordversuch im Zelt von Ravensbrück mit Hilfe von Ágnes überlebte. Im Daimler-Benz-Werk Genshagen/Ludwigsfelde mussten Edith Kiss und Àgnes Bartha ab Dezember 1944, wie 1.100 andere Häftlingsfrauen unter unmenschlichen Bedingungen Flugzeugmotoren montieren.

Durch die Unterstützung einer befreundeten deutschen Häftlingsschreiberin, Friedel Franz, waren sieben oder acht ungarische Jüdinnen gemeinsam in einem Zimmer untergebracht , das eigentlich für Funktionshäftlinge gedacht war. Dort skizzierte Edith 12 Bilder „Lagerleben“, welche von einer Aufseherin konfisziert und vermutlich vernichtet wurden. Über diese Zeichnungen erzählte Àgnes Bartha: „Da besprach ich mich mit Edith, daß wir den Frauen eine Freude machen wollten, damit sie ihren Lebensmut nicht ganz verlieren (...) Edith hatte eine Mappe gezeichnet mit 12 Blättern: Lagerleben in Bildern. Da waren auch SS-Frauen karikiert Die Lagerälteste lachte, als sie das sah und fragte, ob sie es einer der SS-Frauen zeigen dürfe, die sei anständig, die würde es nicht übel nehmen, daß wir sie karikiert haben. Wir konnten nichts dagegen tun. Aber eine halbe Stunde, nachdem die SS-Frau die Mappe bekommen hatte, schmiß man uns aus diesem Zimmer heraus und wir mussten zurück in die Kellerräume, wo wir zu zweit, zu dritt, manchmal zu viert auf der Pritsche lagen.“ 2

Das Daimler-Werk wurde Ende April 1945 evakuiert und die Frauen wurden nach Oranienburg verschleppt. Nach drei Tagen in einem geschlossenen Transportwaggon kamen die Frauen wieder nach Ravensbrück, wo sie bei der Evakuierung mit einem der Todesmärsche das Lager verließen. Edith konnte mit Ágnes, die hohes Fieber hatte, bei Strasen an der Havel aus der Kolonne fliehen. Auf dem Weg nach Berlin begegneten die Frauen sowjetischen Soldaten. Edith Kiss und Ágnes Bartha werden von ihnen vergewaltigt. Anfang Juli 1945 kehrten sie nach Ungarn zurück.

Edith Kiss sprach nie über ihre Erlebnisse im KZ und versuchte, mit ihrer Kunst die Erinnerungen zu verarbeiten. Innerhalb weniger Wochen entstanden die 30 Gouachen des Albums „Deportationen“. Schon im September 1945 war die erste Ausstellung in Budapest. Nach ihrer Emigration in den Westen lebte Edith Kiss in Marokko, Frankreich und England. Ihre dort entstandenen Bilder spiegelten häufig die Leiden der Deportation wieder. Als Künstlerin fand sie im Westen keine Anerkennung. Der Tod ihres Mannes und die Last der Erinnerungen an Verfolgung, Deportation und die Konzentrationslagerhaft waren vermutlich Grund genug, dass Edith Kiss 1966 in Paris Selbstmord beging.

Helmuth Bauer hat die Gouachen : „Deportationen“ von Edith Kiss 1992 in London wiederentdeckt und in Berlin, Paris, Budapest und in der Ausstellung „Wir waren ja Niemand“ in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück gezeigt.


1 Die biographischen Angaben zu Edith Kiss sind entnommen aus: Edith Kiss: Bilder aus dem Album „Deportation“, Dr. Hildegard Hansche-Stiftung (Hrsg.) und aus: In Genshagen. Berichte ehemaliger KZ-Häftlinge über ihren Aufenthalt im KZ-Außenlager Daimler-Benz-Flugzeugmotorenwerk Ludwigsfelde/Genshagen Oktober 1944 – April 1945; aus: Interviews mit Helmuth Bauer 1982 – 1996. KL/23-17 Sign. Gedenkstätte Ravensbrück.
2 Ebda., S.20
Die biographischen Angaben zu Edith Kiss sind entnommen aus: Edith Kiss: Bilder aus dem Album „Deportation“, Dr. Hildegard Hansche-Stiftung (Hrsg.) und aus: In Genshagen. Berichte ehemaliger KZ-Häftlinge über ihren Aufenthalt im KZ-Außenlager Daimler-Benz-Flugzeugmotorenwerk Ludwigsfelde/Genshagen Oktober 1944 – April 1945; aus: Interviews mit Helmuth Bauer 1982 – 1996. KL/23-17 Sign. Gedenkstätte Ravensbrück.
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